Siedlungen der Berliner Moderne

Die Deutsche Wohnen ist Eigentümerin von Wohnungen in drei Siedlungen der Berliner Moderne: der Hufeisensiedlung Britz, der Weißen Stadt sowie der Ringsiedlung Siemensstadt. Seit Juli 2008 zählen die Baudenkmäler zum UNESCO-Welterbe, da sie als Zeugnisse des sozialen Wohnungsbaus entscheidend zur Verbesserung der Wohn- und Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten beigetragen haben.

Gesellschaftspolitischer Hintergrund

In der Weimarer Republik war der Wohnungsbau zu einer sozialpolitischen Herausforderung geworden. Anfang der 1920er Jahre gab es einen Fehlbestand von mehr als 100.000 Wohnungen in Berlin, den die damals fast ausschließlich private Bautätigkeit nicht decken konnte. Von 1921 bis 1928 entstanden deshalb neue Baugenossenschaften, die mit sozialreformerischen Ansätzen versuchten, der Wohnungsnot zu begegnen. Ziel war es, günstigen und hochwertigen Wohnraum zu schaffen, der darüber hinaus eine gute Verkehrserschließung aufwies. 

Architektur

Der Baustil der Siedlungen der Berliner Moderne ist gekennzeichnet durch offene Wohnbaukonzepte für die Garten- und Großstadt. Die neue Architektur stand im starken Kontrast zu den geschlossenen, dicht bebauten Wohnblocks aus dem Städtebau des 19. Jahrhunderts. Die Wohnungen verfügten über Bäder, Küchen und Sonnenbalkone. Großzügige Aufenthaltsbereiche und Spielplätze setzten neue Wohnstandards. Mit ihren klaren und neuen Formen sowie dem sozialen Anspruch wurden die Siedlungen der Berliner Moderne bestimmend für die Architektur und den Städtebau des 20. Jahrhunderts.

 

Die Hufeisensiedlung Britz



Nach Plänen von Bruno Taut und Martin Wagner sollte die Hufeisensiedlung als eines der ersten Projekte im sozialen Wohnungsbau günstigen und hochwertigen Wohnraum schaffen.
 
Auf dem Gelände des ehemaligen Ritterguts Britz im Süden Berlin-Neuköllns entstand die Siedlung in sechs Etappen von 1925 bis 1933. Durch den starken Zuzug infolge der hohen Arbeitslosigkeit nach dem Ersten Weltkrieg waren viele Wohnungen in Berlin chronisch überbelegt. Oft lebten in einer Ein-Zimmer-Wohnung mehr als fünf Personen. 
 
Bruno Taut leitete als verantwortlicher Architekt und Stadtplaner der Gemeinnützigen Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft (GEHAG) die Planung der neuen Siedlung. Zusammen mit Stadtbaurat Martin Wagner entwickelte er das stadtplanerische Konzept der Hufeisensiedlung. Im Sinne des „Neuen Bauens“ wollten Taut und Wagner industrielle Arbeitsmethoden im großen Stil auf das Bauwesen übertragen. 
 
Für die Freiraumplanung wurde Leberecht Migge beauftragt, zur Ausführung kamen jedoch die Pläne des Neuköllner Gartenamtsleiters Ottokar Wagler. Das Hauptgebäude umschließt einen Pfuhl und eine Grundwassersenke, darüber hinaus bildet die Zeilenbebauung mehrere hofartige Bereiche, sodass Ähnlichkeiten mit einem Angerdorf bestehen. Die Prinzipien der Gartenstadt wurden in der Hufeisensiedlung geschickt mit den großstädtischen Elementen des langen Häuserblocks vereint.
 
Die 1.072 Wohnungen verfügen über vier verschiedene Grundrisstypen. 472 liegen in aneinander gereihten Einfamilienhäusern, 600 befinden sich in den dreigeschossigen Mietshäusern. Zentrum der Anlage ist das Hufeisen.
 
Mit wenigen einfachen, aber effektiven Mitteln gestaltete Taut die funktionale und eher schlichte Architektur. Sprossenfenster, Klinkerverblendungen an den Gebäudeecken, der Gegensatz von Glatt- und Rauputzflächen sind wesentliche Kennzeichen der Hufeisensiedlung. Besonderes Highlight ist die Farbgebung.

Die lange Front der Fritz-Reuter-Allee ist in „Berliner Rot“ (ochsenblutfarben) gestrichen und wird deshalb im Volksmund „Rote Front“ genannt. Hervorspringende Treppenhäuser gliedern die Fassade. Die Eingänge strahlen in kräftigem Blau. Zur damaligen Zeit stieß die Farbgestaltung auf viel Kritik, inzwischen ist sie jedoch zum Markenzeichen der Siedlung geworden.
 
Die Hufeisensiedlung war richtungsweisend für die Siedlungsarchitektur der 1920er und 1930er Jahre und ist auch heute noch trotz der relativ kleinen Wohnungsgrößen von circa 49 m² ein attraktives Wohngebiet. Über die Hälfte der 3.100 Bewohner leben seit mehr als 20 Jahren in der Siedlung.

 

Die Weiße Stadt



Die Weiße Stadt, auch Schweizer Viertel genannt, wurde 1931 fertig gestellt und gilt als Inbild des modernen Siedlungsbaus. Um der wachsenden Wohnungsnot zu begegnen erwarb der Bezirk Reinickendorf nach dem Ersten Weltkrieg großflächige Gebiete, die für die Siedlungs- und Grünflächennutzung gedacht waren. Die Planungen für die Großsiedlung "Schillerpromenade", die später unter der Bezeichnung "Weiße Stadt" bekannt wurde, begannen bereits vor dem Ersten Weltkrieg, kamen jedoch erst 1929 im Zuge des Sonderbauprogramms mit 15 Mio. Reichsmark zur Umsetzung. Unter der Regie von Stadtbaurat Martin Wagner wirkten hier die Architekten Wilhelm Büning, Bruno Ahrends und Otto Rudolf Salvisberg, die Gartenanlagen entwarf Ludwig Lesser.

Der erste Entwurf von Otto Rudolf Salvisberg kombinierte traditionelle Motive der stadträumlichen Ordnung mit damals neuartigen Figurationen. Anders als beim innerstädtisch verdichteten Blockrandschema oder den Gartenstadtmustern basierte das Konzept der Weißen Stadt auf den hygienischen und sozialen Zielen des "Neuen Bauens". Die Architekten entwickelten einen modernen großstädtischen Siedlungstyp, der nur Wohnungen in Geschossbauten vorsah.

Bebauungsplanung, Haus- und Grundrissentwurf waren geprägt von Rationalität und Wirtschaftlichkeit. Da der Bedarf an günstigen Kleinstwohnungen besonders hoch war, belief sich der Anteil der Eineinhalb- bis Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen auf über 80 Prozent. Die Siedlung mit ihrem charakteristischen weißen Erscheinungsbild entstand in Anlehnung an den Baustil der "Neuen Sachlichkeit". Dachüberstände, Regenfallrohre, Eingangstüren und Fensterrahmen waren in kräftigen Farben gestaltet, um die Strahlkraft der weißen Wände zu verstärken. Bemerkenswert war auch die Infrastruktur der Anlage, zu der ein Heizkraftwerk, zwei Gemeinschaftswaschküchen sowie Kindergarten, Volksschule, Ärztehaus, Apotheke und 24 Ladengeschäfte gehörten.
Viele infrastrukturelle Erweiterungsbauten fielen der Weltwirtschaftskrise in den späten 1920er Jahren zum Opfer; erst ab 1951 wurde die Weiße Stadt vergrößert.

Mit der Planung der Grünflächen und Gartenanlagen wurde der bekannte Garten- und Landschaftsarchitekt Ludwig Lesser beauftragt. Ihm gelang eine, dem Anspruch des "Neuen Bauens" gerecht werdende Strukturierung der Freiflächen. An die Stelle kleiner Mietergärten traten gemeinschaftlich nutzbare Siedlungsgärten – funktionelle Grünräume mit Sitz- und Kinderspielplätzen.

Zu den markantesten Bauten der Weißen Stadt gehört das über die Aroser Allee gebaute fünfgeschossige "Brückenhaus". Das Konzept von Wohnhäusern, die die Straße überspannen, hat man im sozialen Wohnungsbau zum Beispiel beim Berliner Sozialpalast (auch bekannt als Pallasseum) wieder aufgegriffen und für die Wilmersdorfer Schlange, die sogar eine Autobahn überspannt, perfektioniert.

 

Die Ringsiedlung Siemensstadt



Die Großsiedlung Siemensstadt entstand in den Jahren 1929 bis 1934 unter Mitwirkung der Architekten Otto Bartning, Fred Forbat, Walter Gropius, Hugo Häring, Paul-Rudolf Henning und Hans Scharoun, die der progressiven Vereinigung "Der Ring" angehörten. Dieser war ein Zusammenschluss junger Architekten, die sich zum Ziel gesetzt hatten, das "Neue Bauen" zu fördern. Vor diesem Hintergrund erhielt die Siemensstadt den Namen Ringsiedlung. Die Arbeitsgemeinschaft der Architekten wurde von Stadtbaurat Martin Wagner geleitet. Er gab jedem Architekten die Möglichkeit, seine individuelle Interpretation des neuen sozialen Bauens unter großstädtischen Bedingungen umzusetzen.

Jeder Architekt erhielt einzelne Häuserzeilen zur Bearbeitung, sodass sich ein vielgestaltiges Siedlungsbild entwickelte. In der Siemensstadt wird die ganze Spannbreite des "Neuen Bauens" sichtbar: vom Gropius' schen Funktionalismus über die Raumkunst Scharouns bis zum organischen Formenreichtum Härings. Weg vom starren funktionalistischen Zeilenbau wurde der Fokus auf eine ungezwungene Raumgliederung gerichtet, welche den natürlichen Gegebenheiten der Umgebung entspricht. 
 
Insbesondere die beiden Gropius-Zeilen am westlichen Rande des Siedlungsgeländes repräsentieren die programmatische Rationalität einer Großsiedlung des "Neuen Bauens". Gropius gestaltete die Bauten mit scharfen, kantigen Konturen und einer strengen Reihung der identischen Hauseinheiten.

Während sich in den Gropius-Bauten die Technikästhetik des Baumeisters widerspiegelt, ist die Architektur Hugo Härings durch naturhaft wirkende Baustoffe und Farben gekennzeichnet. Als einziger des Architektenkreises setzt Häring die Balkone und Treppenhäuser an die Westseite der Häuser. Er begründet dies mit der funktionellen Absicht, die Balkone einerseits als Erweiterung des Wohnraums möglichst weit herauszuziehen und andererseits den dadurch entstehenden Schatten zu verringern. Warme Farbtöne verbinden sich mit dem umgebenden Grün  ein starker Kontrast zur Strenge und Rationalität der Gropius-Bauten.

Auch Henning setzt in seinen Hausreihen verstärkt naturhafte und verhaltene Farbtöne ein. Die Erdgeschosswohnungen der drei östlichen Zeilen öffnen sich mit hausbreiten Terrassen zum Grünraum. Die klaren geometrischen Baukörper von Forbat werden von einer sachlichen Formensprache mit weißen Fassaden und betont gesetzten gelbbunten Ziegelelementen dominiert. Bartnings Bau entlang der leicht gebogenen Goebelstraße, im Volksmund "Langer Jammer" genannt, bildet die feste städtebauliche Kante im Süden, die die Siedlung als Lärm und Sichtbarriere abschirmt.

Mit ihren sozialen und sanitären Funktionen wurden die Freiräume der Siemensstadt in den 1920er Jahren als Ausgleich zu den schweren Lebens- und Arbeitsbedingungen verstanden. Heute gehört die Siemensstadt mit circa 2.800 Einwohnern zu einem der größten Wohngebiete Berlins.

 

Die Deutsche Wohnen

Die Deutsche Wohnen ist eines der führenden börsennotierten Wohnungsunternehmen in Deutschland. Im Rahmen ihrer Geschäftsstrategie setzt die Gesellschaft den Fokus auf die Bewirtschaftung und Entwicklung von Wohnimmobilien, derzeit in den wirtschaftlich bedeutenden Kernregionen Berlin, Frankfurt am Main und dem übrigen Rhein-Main-Gebiet.

Bereits in der Vergangenheit hat die Deutsche Wohnen als Eigentümerin von drei der Siedlungen der Berliner Moderne über Jahre einen verantwortungsvollen, denkmalgerechten Umgang mit den Beständen bewiesen und damit maßgeblich zur Nominierung der Siedlungen zum UNESCO-Welterbe beigetragen.

Im Zuge des Nominierungsprozesses rief die Deutsche Wohnen, gemeinsam mit anderen Eigentümern der Siedlungen der Berliner Moderne, die Initiative Welterbe ins Leben, um auch in der Öffentlichkeit ein Zeichen für das Kulturerbe Berlins zu setzen und die Aufmerksamkeit für das Thema bei der Bevölkerung und den Bewohnern zu schärfen.

In enger Zusammenarbeit mit dem Land Berlin engagiert sich die Deutsche Wohnen auch in Zukunft für die Siedlungen der Berliner Moderne mit dem Ziel die Baudenkmäler sowohl für Touristen erlebbar als auch für die Bewohner lebenswert zu gestalten. Im Rahmen des Programms zur Förderung von Investitionen in nationale UNESCO-Welterbestätten führt die Deutsche Wohnen umfangreiche Baumaßnahmen in ihren UNESCO-Siedlungen durch. Ziel ist es, die Bestände denkmalgerecht, entsprechend dem historischen Erscheinungsbild zu sanieren.