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Bildrechte: Jan Kobel

Herr Professor, keine andere Schule hatte so viel Einfluss auf die Architektur und Kunst der Moderne wie das Bauhaus. Welche Ideale stehen hinter der Bewegung?

Harald Kegler: Bauhaus ist in der Tat die vielleicht faszinierendste und wichtigste Kunstschule des 20. Jahrhunderts. Sie basiert auf verschiedenen Strömungen wie den Kunstschulen in Wien oder der Reformbewegung in England. Das Bauhaus hat aus mehreren Gründen seine Faszination bis heute bewahrt: Erstens hat es ein pädagogisches und didaktisches Programm entwickelt, das großen Einfluss auf die Entwicklung der Kunstschulen hatte. Der Kern des Bauhauses aber ist, dass es Kunst nicht nur als ein ästhetisches Programm, sondern als gesellschaftliche Utopie sah. Der Anspruch war, eine neue Gesellschaft zu denken, die durch die Mittel der Kunst erstrebenswert erscheint.

Was genau ist mit dieser Utopie gemeint?

Harald Kegler: Utopische Vorstellungen bedeuten, über Grundsätzliches nachzudenken und diese Gedanken mithilfe der Kunst der Öffentlichkeit vorzustellen. Walter Gropius gründete 1919 in Weimar das Bauhaus – eine neue Kunstschule, die Leben, Handwerk und Kunst unter einem Dach vereinen sollte. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger, Hannes Meyer, verfolgte Gropius noch kein politisches Programm. Erst Meyer, der zweite Direktor des Bauhauses von 1928 bis 1930, rückte das soziale Bauen in den Mittelpunkt. Er schuf zusammen mit seinen Studenten, die sogar selbst auf den Baustellen arbeiteten, Laubenganghäuser in Dessau und verfolgte ein Genossenschaftsmodell. Politisch sehr links ausgerichtet, war eine sozialistische, kommunistische Gesellschaft sicherlich sein oberstes Ziel. Er versuchte dieses über die Architektur und über eine Genossenschaftsbewegung zu erreichen.

Die vier UNESCO Welterbe-Siedlungen der Deutsche Wohnen wurden im Stil des Neuen Bauens errichtet. Wie hängen Neues Bauen und Bauhaus eigentlich zusammen?

Harald Kegler: Neues Bauen ist ein Sammelbegriff, der für die Architekturbewegung der 1920er Jahre geprägt wurde; Bauhaus ist ein Teil davon. Bauhaus ist natürlich durch die Protagonisten, allen voran die Bauhaus-Direktoren, eine prägende Größe im Neuen Bauen. Aber andere Architekten wie Bruno Taut haben noch viel mehr gebaut, besonders bei den Berliner Siedlungen der Moderne.

Warum war der Stil des Neuen Bauens so wegweisend für den sozialen Wohnungsbau?

Harald Kegler: Die soziale Komponente spielte im Neuen Bauen eine ganz entscheidende Rolle. Großstädte wie Berlin, Frankfurt, Hamburg, aber auch kleinere wie Dessau oder Karlsruhe weisen einen großen Wohnungsbestand im Sinne des Neuen Bauens auf. Diese Städte hatten in der Wohnungsnot der Nachkriegszeit eine große soziale Verantwortung und haben deshalb selbst kommunalwirtschaftliche Strukturen aufgebaut. Ihre Bürgermeister propagierten das Neue Bauen explizit als eine Architekturform des sozial orientierten Wohnungsbaus. Die großen Siedlungen wurden in kommunaler Trägerschaft, von kommunalen Gesellschaften, aber auch durch Genossenschaften errichtet und bedienten sich der modernen Architektursprache. Es war insgesamt eine sehr sparsame Bauweise. Gerade das Bauhaus legte großen Wert darauf, dass durch geringe Baukosten eben auch die Mieten gering waren.

Inwiefern hat Bauhaus beziehungsweise Neues Bauen die Berliner Architektur geprägt?

Harald Kegler: Zum einen über die Personen: Gropius war selbst in Berlin tätig und hat bei einigen Siedlungen mitgewirkt. Ludwig Hilberseimer, der am Bauhaus Städtebau lehrte, hatte dann noch radikalere Ideen für den Umbau Berlins zu einer vertikalen Stadt, einer Hochhausstadt. Seine Vorschläge reichten weit über die Zeit hinaus und wurden in der Nachkriegszeit oftmals heftig kritisiert, womit er aber Diskussionen forcierte und die Wohnungsbau-Debatte ordentlich anheizte.

Berlin war neben Wien vielleicht die wichtigste Metropole in Europa, die den sozialen Wohnungsbau vorantrieb. Es ist erstaunlich, was da in den 1920ern innerhalb weniger Jahre entstanden ist: Siedlungen, Flughäfen, die U-Bahn, der Westhafen, der Funkturm und vieles mehr. Kunstinteressierte und Architekten kamen in die Stadt, um von Berlin zu lernen, sowohl in der Architektur als auch in der Organisation einer kommunalen Bauwirtschaft und Stadtplanung.

Im Bestand der Deutsche Wohnen befinden sich vier Siedlungen der Berliner Moderne …

Harald Kegler: Ja, die Deutsche Wohnen ist Sachwalter dieses grandiosen Erbes. Ich finde es ganz wunderbar, dass im Zusammenhang mit dem Bauhaus-Jubiläum die Berliner Siedlungen ebenfalls gewürdigt werden, da sie in einem Zusammenhang stehen – architektonisch und auch durch die soziale Komponente, die in diesen Siedlungen manifest wird.